Unser erkämpftes Flugfeld

Das innerstädtische Flugfeld des ehemaligen Zentral-Flughafens Berlin-Tempelhof ist durch einen glücklichen Zufall, leichtsinnige Arroganz und den Mut der ehrlichen Bürger vor der Zerstörung bewahrt worden.

Ein historischer Glücksfall

Das Weideland und Exerzierfeld lag 1900 noch vor der Stadt. Als es um 1910 von Neubauten in Neukölln und Tempelhof umschlossen wurde, war es bereits die Spielwiese der Flugpioniere.

1923 begann der Linien-Flugverkehr auf der planierten Wiese, bald mit Verbindungen in die ganze Welt. Noch genügten einige überschaubare Hallen als Flughafengebäude. Doch 1935 wünschte sich der Anstreicher Hitler einen wuchtigen Weltflughafen in seiner protzenden Germania-Vision, und dazu passend wurde der gigantische Bogen des Flughafengebäudes ab 1935 bis Kriegsbeginn gebaut, aber nicht mehr fertiggestellt. Den Krieg überstand das Gebäude fast ohne Schäden.

In der Luftbrückenzeit wurden die Landebahnen befestigt, danach war Tempelhof Militär- und immer mehr auch Zivilflughafen, auch wenn der Flughafen Tegel ab 1975 die Hauptlast des Flugverkehrs übernahm. 

Für den Nachfolge-Flughafen BER (ein Leuchtturm-Projekt kapitalistischer Planwirtschaft) erfolgte 2008 die gesetzliche Stillegung.

2010 wurde das Feld endlich für die Öffentlichkeit als Parkanlage geöffnet. Es war aus dem Stand heraus die zentrale, intensiv genutzte Freizeit- und Erholungsfläche für die umliegenden Stadtbezirke mit ihrer dichten Wohnbebauung. Reisende aus aller Welt bestaunen und beneiden unseren Berliner 'Vorgarten'.

Der Leichtsinn der Arroganz

Ohne einen Gedanken an die Bevölkerung zu verlieren, bereitete der Bausenat die 'Entwicklung' für die private Immobilienwirtschaft vor und warb frühzeitig um Investoren.

Der Plan: Von außen nach innen ringweise mit Luxuswohnungen bebauen lassen, das Flughafenflair als Marktwertsteigerung.

Der erste Bebauungsring wurden uns erstaunten Bürgern als Geschenk verkauft: Man überlasse uns gnädiglich 80% der Fläche als Freiraum, vorläufig, versteht sich.

In einer solchen Alibi-Bürgerbeteiligungs-Versammlung hörte ich (Lothar Köster) diese Phrasen, erinnerte mich an Prozentrechnung und erklärte spontan: "Danke für die Großzügigkeit. Aber das Feld gehört uns jetzt zu 100%, und wir haben nicht die Absicht, davon auch nur einen Prozent abzugeben."

Damit war aus Bürgertrotz die Parole und Initiative "100% Tempelhofer Feld" geboren.

Der Mut der ehrlichen Bürger

Ich begann mit Flugblättern und einer Unterschriftensammlung mit überraschend hohem Rücklauf.

Später lud ich arglos zur Gründung einer Bürgerinitiative ein. Diese war leider von Anfang an durch eine obskure Gruppe (mutmaßlich Psychos) unterwandert. Sie  gründete einen hochdemokratischen Verein, der die wenigen integren Mitstreiter ausschloß und meinen Titel '100% THF' rechtswidrig mißbrauchte. Mein Gesetzentwurf zum Volksentscheid wurde von geheimen Anwälten umgeschrieben und verschaffte dieser Truppe Dauerposten in den für sie entworfenen Bürgerbeteiligungsgremien. (Besuchen Sie sie mal in ihrem 'Feldforum' mit selbstorganisierten Wählern.)

Das war ärgerlich (und wohl berlinweite Praxis), hielt aber die ehrlichen Bürger nicht davon ab, in beiden Vorbereitungsphasen eigenständig und massenhaft Unterschriften zu sammeln.

Der Senat entwickelte als Gegenstrategie die geschickte Behauptung, nur durch die Feldbebauung könne die Wohnungsnot behoben werden, und prägte das bezeichnende Wort vom 'Bürgeregoismus'. Seine Argumentationen waren täglich in den Zeitungen zu lesen. Allerdings kannten die Berliner den Senats-Wohnungsbau und hatten fast alle selbst auf dem Feld gestanden und gestaunt. So mochte die Mehrheit ihm das alles nicht glauben. Das Ergebnis ist bekannt.

Der hohe Wert für die Bürger

Das nun geschützte Tempelhofer Flugfeld übertrifft alle Erwartungen.

Die Offenheit der Wiesenflächen schafft einen idealen Raum der sozialen Öffentlichkeit, in dem jeder jeden jederzeit sehen, aber zugleich um Kilometer ausweichen kann. Eine offene Gesellschaft. Kein Gebüsch, also keine Dealer. Keine Mauerecken, also kein Sperrmüllhaufen.

Mitten in der verdichteten Stadt geht man unter freiem Himmel hinaus und sieht die Bezirke am Horizont ringsum wie ein inverses Weichbild Berlins.

Statt Autogebrüll hört man die Gespräche der Menschen, ihr Plaudern, Lachen und Singen. Hier kann man die ganze Vielfalt der Berliner Mitbewohner sehen, wenn sie friedlich und fröhlich ihren Osterspaziergang gehen, jeder unter gerne 50.000 Besuchern, und doch mit Platz und Ruhe für sich. Die kochende Millionenstadt, ins Menschliche gekehrt.

Das Feld ist das würdige Mahnmal des ungeteilten Himmels, des friedlichen Miteinanders der bunten Bürgerschaft im wiedervereinten Berlin.

Es ist KiTa, Sportzentrum, Meditations- und Lesegarten, massentaugliche Grill- und Chill-Fläche, Vogel- und Wolkenobservatorium, größter und zugleich pflegeleichtester Volkspark Berlins. Vor allem: kostenlos und fast grenzenlos.

Kinder von Windel an laufen begeistert in den Horizont, lernen Skaten und Rollen vor dem Laufen und fallen ohne Gameboy müden in die Betten.

In finstersten Coronazeiten hat das Feld zigtausend mal den Familienfrieden gerettet, denn hier konnten alle mit Abstand und Anstand im Freie gehen.

Von den sommerabendlichen Kühlschrank-Winden in den umliegenden Stein-Bezirken, den Feldlerchen und Nachtigallen ganz zu schweigen.

Geduld und Spucke

Das Feld ist eine Art von Waffenstillstandsabkommen in der vertikal immer stärker geteilten Stadt Berlin.

In grauer Städte Mauern wütet die Mietzinserpressung, die Investoren-Herrschaft, die Bedrängnis durch Verdichtung und Kommerzialisierung. Die Stadt entstand historisch als unfreiwillige Arbeits- und Wohnstätte mit einigen glitzernden Boulevards, eine Antiheimat. Schmelztiegelstädte wie Berlin waren zudem von Anfang an Räubernester des Kapitalismus und struktureller Spiegel seiner Wucherungen. Viele halten das fälschlich für naturgesetzlich.

Die Berliner Bürger haben nunmehr den Luxus einer Gegenerfahrung genossen. Das Feld versinnlicht all die Güter, die in der verdichteten Stadt verweigert oder teuer versteigert werden. Es hat eine temporäre Befriedung, ein Gleichgewicht im Schrecken erwirkt.

Der Sonnenuntergang auf dem Feld ist für die vielen Anwohner ein letzter Strohhalm der Erträglichkeit, ein letzter Faden der Bürgergeduld.

Das Faß ist übervoll.

Der diensteifrige Senat will den gierig fordernden Investoren das letzte Berliner Tafelsilber zuwerfen.

Er spuckt nicht nur in das volle Faß, er uriniert uns gleichsam mit seinen Investorenfreunden im Champagner-Rausch kichernd ins Gesicht.

Das Tempelhofer Feld ist die rote Linie, die letzte.

Der offene Bruch des Volksentscheids zeigt die Hohlheit der Demokratie-Phrase.

Die von uns gewählten Abgeordneten agieren offen gegen uns und lügen uns ins Gesicht. Sie haben die Regeln für ihr Machtmonopol selbst beschlossen: Selbstherrlichkeit und Immunität gegen die Wähler.

Dies ist ein guter Zeitpunkt, um über die Spielregeln selbst nachzudenken.
Um Demokratie zu wagen.